Frank Ahlgrimm
"Dem großen Manitu der Kunst zu Ehren", Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 09.10.2005
   
Pia von Aulock
"Wann sind Paare liebende Paare?", Kölner Stadtanzeiger, 14./15.07.2001
 
Tobias Gerber


"... wie siehst Du wirklich aus?", Stadt Revue Köln - Nr. 8/01
Schiff "strandete" im Westerwald, Nassauische Neue Presse, 14.07.2001

 

Das Kartell

Frank Ahlgrimm / Hans Pfrommer / Armin Subke

Guten Morgen Slowakei, Kölnische Rundschau 12.07.2005

 
Svätopulk Mikyta


"Wenn Wände weinen und Jesus turnt", Parthas Verlag GmbH, 2005
"Wenn Wände Blut weinen", Kölner Rundschau, 06.04.2002, Nr. 80

 
Roland Schappert


Videokunst im Molsberger Schloss-Pavillon, Nassauische Presse, 1999

 
Johannes Schlichting


Bilder voller Erinnerung, Kölner Stadtanzeiger - 19.10.2000 - Nr. 243

Johannes Schlichting kreiert "Fluff" , Kölner Rundschau - 21.09.2000 - Nr. 220

 
Julia Schrader
"Angst und Abwehr, Festung und Blöße", Nassauische Presse, 2000
 
Heather Sheehan


Ein Vater zwischen Macht und Minderwertigkeit, Nassauische Presse, 10.03.2001

 

 

 

Frank Ahlgrimm

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 09.10.2005

Dem großen Manitu der Kunst zu Ehren

Von Ralf Christofori

Jäger, Sammler und Heimwerker: Ein Rundgang durch Stuttgarter Galerien

Es gibt kein zurück. Zumindest, wenn man sich ohnehin schon weit aus dem Fenster gelehnt hat. Konsens ist langweilig, Durchschnitt niveaulos, Kompromisse ein Ausdruck von Mutlosigkeit. „When is your point of no return“, steht auf einer Leinwand des Kölner Malers Frank Ahlgrimm – und dieses Bild steht durchaus für jenes Fenster, aus dem sich der Künstler bereits seit einigen Jahren mit überdurchschnittlicher Kompromisslosigkeit hinauslehnt.

Das verdeutlicht seine erste Einzelausstellung in der Stuttgarter Galerie Reinhard Hauff: Wie Collage wirkt diese Malerei, weil sie sich einfach nicht daran halten will, zwischen Figur und Grund einen konsistenten Unterschied zu machen. Ganz selbstverständlich vereint sie sprachliche und bildnerische Codes. Und genauso konsequent beharrt sie darauf, mutig und unbestechlich zu sein. So erzählt Ahlgrimms großformatiges „storyboard“ (16 500 Euro) die Geschichte jenes Manns, der sich aufmachte, die Welt durch Texte zu erklären – und jedoch nur Buchstabenkolonnen fand. In „Selektion“ (11 200) kauert das weibliche Alter ego zwischen pastosen Ölfarben und flächigen Industrielacken, während „hunting-ground“ (15 500 Euro) den großen Manitu der Malerei besonders herausfordert. Mit sicherer Hand und höchstem Respekt, aber stets mutig. Und wenn es stimmt, dass nur die Mutigsten unter den Jägern in die ewigen Jagdgründe eingehen, dann dürfte Frank Ahlgrimm eine große Karriere als Häuptling beschert sein.

(Bis 22. Oktober 2005) [...]

Pia von Aulock

Kölner Stadtanzeiger
14./15.07.2001

Wann sind Paare liebende Paare?

Pia von Aulocks Kunst untersucht das Verhältnis der Körper

Jürgen Kisters

"Paarlauf" ist ein Begriff aus dem Eistanz, den die Künstlerin Pia von Aulock (Jahrgang 1967) auf menschliche Paar-Beziehungen schlechthin überträgt.

Ihr "Lauf" zeigt das Paar Mann/Frau allerdings in einer Situation äußerster Ruhe: im Schlaf. In einer Malerei, die gleichermaßen poppig und zurückhaltend ist, dünn lasiert mit viel Weiß und wenigen farbigen Akzenten, hat sie ein halbes Dutzend schlafende Paare in großformatigen Ölbildern gemalt und ganz verschiedene Haltungen des Zueinanders zum Ausdruck gebracht.

Mann und Frau liegen seitlich und voneinander abgewandt. Einer der beiden liegt auf dem Rücken. Sie liegen seitlich hintereinander. Und jeweils einmal liegt einer der beiden mit offenen Augen. Eine Frau und ein Mann (mit honigblonden Haaren) kommen in drei verschiedenen Bildern jeweils in der gleichen Haltung vor, doch nie gemeinsam. Allmählich, mit Blick für Details, erschließt der aufmerksame Beobachter die Paar-Konstellation, in denen stets nur die Haarfarbe und die gemusterte Bettdecke farbig sind. Wie verhalten sich die Körper zueinander? Liegt Distanz in ihrem Miteinander oder äußerste Nähe? Zeigt sich bereits in der Schlafposition, ob ein Paar ein liebendes Paar ist? Und haben sie sich gerade erst kennen gelernt, oder sind sie schon lange zusammen?

Immer sind die Gesichter sanft doch nie liegen die Körper unter einer Decke. Und während die geschlossenen Augen des Schlafs größte Friedlichkeit ausdrücken, bringen die geöffneten Augen die Dimension des Problems in die Paar-Situation. Was zunächst eine zarte malerische Studie zur Paar- Beziehung von Mann und Frau ist, ist zugleich eine Studie zum Thema Schlaf. Der Schlaf als Zustand der Ruhe und Besänftigung in einer hektischen Welt, die durch rasende Bewegung und überaktive Menschen geprägt ist. Gegen das laute Boulevardgeschrei des zeitgenössischen Menschenbilds wollen die Bilder Pia von Aulocks ein stilles Gegen-Bild setzen.

Nicht die unruhigen Szenarios der modernen Informationstechnologien, sondern die Ruhe des Schlafs bringt die Menschen (wieder) einander näher. Und nicht in der fortgesetzten Zurschaustellung seiner Zerrissenheit, sondern in der Vergewisserung seiner vielleicht letzten vertrauten Einheitsempfindung kommen die Menschen zu sich selbst. Während alle Welt auf das Drastische, Extreme schaut widmet Pia von Aulock sich seiner sanften, liebevollen, harmonischen Seite. Und wenn sie dabei die traditionellen Tugenden malerischer Sorgfalt belebt, ist das nur folgerichtig.

Tobias Gerber

Stadt Revue Köln
Nr. 8/01 - S.91

Tobias Gerber: - "... wie siehst Du wirklich aus?"

Oft fristen anonyme Wiedersehenswünsche ein unerwiedertes Kleinanzeigenrubrikdasein. Effektiver, dachte sich jemand auf der Suche nach Sigi, ist der Straßenaushang in der Südstadt: "Suche Sigi, der am Rosenmontag im Lithos >derTod< war. Wie siehst Du wirklich aus?" Reagiert hat zumindest der Kölner Künstler Tobias Gerber, der das Fahndungspapier abgerissen und diskret (mit unkenntlich gemachter Mobilnummer) zur hellrosaroten Ausstellungseinladungskarte umformatiert hat. Rosarot ist auch sein Ausstellungsgegenstand an einem feudalen Kunstfleckchen mitten im Westerwald: ein Boot mit dem Schriftzug "Siegfried", das er millimetergenau zwischen die Oktagonecken des einstigen "Lust- und Gartenhauses" von Schloß Molsberg - seit drei Jahren Kunstaußenstation von Emmanuel Walderdorff - eingekeilt und an einem vom Bootsboden bis zur Pavillondecke eingeklemmten Astkreuz vertäut hat. Wer das Schiff als Motiv aus Gerbers Falt-, Phantom- und Raumzeichnungen kennt, verfällt dem Eindruck, es sei dort im Pavillon auf dem Westerwaldhügel in dem Versuch, materiell zu werden, zwar unbeleckt, aber ausweglos gestrandet. Vielleicht ein Ort, um einmal mehr Fragen der Wahrnehmung und Differenz von Wunsch und Realität oder symbolischer Heimatlosigkeit zu überdenken. Fast lieber aber möchte man das Boot zum lauschigen Paddeln an den nahe gelegenen Weiher tragen.
Übrigens ein idealer Ort für erfolgreiche Kleinanzeigensucherlnnen. (ak)

Tobias Gerber

Nassauische Neue Presse
14.07.2001, S. 14

Schiff "strandete" im Westerwald

Nicola van Bebber, Molsberg.

„Das Kunstwerk ist eine imaginäre Insel, die rings von Wirklichkeit umbrandet ist" - es bedarf ein wenig der Anschauung eines Ortega y Gasset (spanischer Philosoph von 1883 bis 1955), um sich der Sommerausstellung im Pavillon Schloss Molsberg gedanklich anzunähern. Die siebte Präsentation in Molsberg ist einmal mehr ein demonstrativer Akzent, im Tenor allerdings eher besänftigend: weniger provokativ als in der vorangegangenen Ausstellung, aber nicht weniger hintergründig.

Ein pastellrosa-farbenes Schiff besetzt den Pavillon. Oder ist der Pavillon der Ort, welcher der Phantasie die Grenzen zeigt? Eher im Gegenteil. Fakt jedoch ist: Das Boot, durch seine Erdung auf einem Westerwälder Hügel, noch dazu eingekeilt in ein barockes Oktogon seiner eigentlichen Bestimmung völlig entfremdet, macht zunächst stutzig. Ob es dem Baby-Rosa des Holzbootes oder dem durch die Fenster des denkmalgeschützten Pavillons zart gebrochenen Licht des hohen Westerwaldes zuzuschreiben ist, sei dahingestellt: Das Objekt rührt den Betrachter.

Ein Effekt, dem der Künstler tolerant gegenübersteht: "Kunst soll öffnen, Diskussionen auslösen. Man schafft etwas, ohne zu wissen, was jemand daraus liest." Tobias Gerber, Künstler aus Köln und 1998 mit dem Villa-Romana-Preis ausgezeichnet, ist nicht der Mann, dem es um tumbe Demonstrationen oder gedankliche Einbahnstraßen geht. Gerber setzt stille Akzente ohne Schärfe, sehr wohl aber mit philosophisch-tiefsinnigem Hintergrund. Kein Provokateur, eher ein sensibler Pointillist der bildenden Kunst. In dem Sinne, dass er die unzähligen Facetten des Lebens auf ein zunächst schlicht anmutendes Objekt konzentriert.

Die Begrenzungen der menschlichen Existenz sind sein Thema, dem er sich auch in seinen vorherigen Arbeiten mittels des Sujets „Schiff" genähert hatte. "Man gewinnt den Eindruck, dass Tobias Gerber mit dieser Ausstellung seine ,Schiffsreise' beendet", hatte der Kölner Galerist und Initiator der Pavillon-Ausstellungen, Emmanuel Graf Walderdorff, die Präsentation zur Eröffnung kommentiert. Wenn auch der Pavillon das richtige "Bett" für wie auch immer gestrandete philosophische Überlegungen sein mag - es bleiben genügend Fragen offen. Auch wenn sich hier ein Künstler der Zerrissenheit des modernen Menschen mit einer auf den ersten Blick geradezu poetischen Leichtigkeit widmet- der Grundkurs des Boot-Projekts ist durchaus existentialistischer Natur, wirft das Dilemma des Möglichen und des Wirklichen auf.

Denn angesichts der Positionierung des Wasserfahrzeugs ist es nicht unangemessen nach der Navigation des Lebens zu fragen. Danach, ob ein einmal eingeschlagener Kurs das Leben in ganzer Reichweite abdecken kann oder soll. Mit einem Schiff assoziiert sich Fernweh - was also ist mit den unerfüllten oder gar an rauer See zerschellten Sehnsüchten? Poesie hilft hier nicht weiter — eher schon Adorno: „Kunst ist das Versprechen des Glücks, das gebrochen wird" oder gar Camus: "Kunst ist eine in Form gebrachte Forderung nach Unmöglichem, die Inkarnation eines Dramas des Verstandes".

Fragen, die Gerber in der Einladung zur Ausstellung komödiantisch getarnt hatte: „Suche Sigi, der am Rosenmontag im Luhas der Tod war - wie sieht Du wirklich aus?" Die Frage nach dem Gesicht hinter der Maske - für den gebürtigen Düsseldorfer eben nicht nur Karnevalisten vorbehalten. Bei der Suche nach der anderen Seite des Realen geht es Gerber um Wahrnehmung, Vertauschung und Metamorphose. Er sehe die Energien des Lebens stets in Bewegung zwischen den Polen des Körperlichen und des Geistigen, des Sinnlichen und des Intellekts. Als „Irrtum mit Methode", hat Harald Uhr vom Bonner Kunstverein Gerbers schöpferische Kreativität einmal benannt.

Eine künstlerische Ausrichtung, die nun in Molsberg ihren vorläufigen Höhepunkt findet. Doch der "Rätselskulptur", wie Gerber selbst sein Boot nennt, haftet durch das Gestrandet-Sein auf Westerwälder Erde auch etwas Befreiendes an. Galerist Graf Walderdorff bedient sich bei dieser Deutung des Hauff´schen Gespensterschiffs und seiner zur Bewegungslosigkeit verurteilten Piraten, die erst durch den Kontakt zur Erde, Staub werden, Erlösung finden können. Vor Gericht und auf hoher See ist man in Gottes Hand, sagt man. Doch auf der „imaginären Insel", dem kleinen „Atoll" im Westerwald darf in diesem Zusammenhang auch Nietzsche zitiert werden:

„Wir haben die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zugrunde gehen . . ."

Das Kartell: Frank Ahlgrimm / Hans Pfrommer / Armin Subke

Kölnische Rundschau
12.07.2005

Guten Morgen Slowakei

von Hanna Styrie

Die Künstlergruppe „Das Kartell“ beweist bei Walderdorff Kreativität und schwarzen Humor.Zur Künstlergruppe „Das Kartell“ schlossen sich 2004 drei Geistesverwandte zusammen. Seither machen der Kölner Frank Ahlgrimm und seine Stuttgarter Kollegen Hans Pfrommer und Armin Subke durch gemeinsame Performances, Buchprojekte, Konzerte und Ausstellungen auf sich aufmerksam. Die  jüngste Tat des munteren Trios ist eine gemeinsame Show in der Emmanuel Walderdorff Galerie.

Schwarzen Humor und eine Portion Sarkasmus haben sie gemeinsam, auch den Hang zu ausschweifenden Bildtiteln und die Verwendung von Zitaten aus der Kunstgeschichte. Ansonsten erschließt sich bereits nach kurzem Hinsehen die individuelle Handschrift jedes Künstlers.

Frank Ahlgrimm ist der Zeichner im „Kartell“. Schwerelos und spontan wirken seine Arbeiten auf den ersten Blick und doch steckt dahinter eine malerische Intellektualität, ein ironischer Blick auf die Welt und ihre Mechanismen. „Entscheidungshilfen“ hat er seine Serie betitelt, in der simple Fliegenklatschen symbolische Bedeutung erreichen. Zynisch-provokant kommt da manches Blatt daher, dessen bildsprachliche Rhetorik gelegentlich an Comics erinnert.

Akribisch gemalte Würstchen

Armin Subkes Großformate mit dem Titel „Guten Morgen Slowakei“ beherrschen den Eingangsraum. Akribisch hat der 40-Jährige ein deftiges Frühstück auf die Spitzentischdecke aus Plastik gemalt: Würstchenpaar, Brötchen und Suppe samt undefinierbarer Einlage wirken zum Greifen nah. Nur postkartengroß ist hingegen das vierteilige Selbstporträt „Ich werde mal kurz konkret“. Zeichnungen unter dem Titel „Tragischer Vorfall am Bodensee“ erzählen ein böses Märchen und sind ein typisches Beispiel dafür, wie Subke traditionelle Stilmittel verfremdet.

Hans Pfrommer (Jg. 1969) ist der jüngste im Bunde. Wissenschaftsmagazine, Nachrichtengensendungen und Boulevardklatsch bieten ihm unerschöpflich Inspiration.Als Beobachter und Kommentator, Zeitkritiker und Philosoph spießt er auf, was ihm tagtäglich begegnet. „Die Banane für Linkshänder ist ja wohl das Allerletzte, womit sich Genmanipulation rechtfertigen ließe“ schreibt er unter ein Ölbild, auf dem anstelle des Zeigefingers eine Banane aus der Hand wächst. Pfrommer treibt ein intelligentes Verwirrspiel mit Zitaten und Symbolen, schockiert und amüsiert. Preise von 350 bis 2 900 Euro.

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Svätopluk Mikyta

Aus dem Buch:
Europa für Szenegänger
Parthas Verlag GmbH, 2005
ISBN 3-86601-165-2
Kapitell: Slowakei, Bratislava, Kunstszene (S.111 und 112)

Wenn Wände weinen und Jesus turn

Uta von Debschitz

[...] Michals Studienfreund Svätopluk Mikyta (*1973) war Stipendiat für längere Zeit in Stuttgart und Berlin. Jetzt wendet er sich dem zu, „was wir sind und haben – aber nicht im Sinne von Folklore“. Sväto hat den Eindruck, dass sich die europäischen Kulturen immer mehr angleichen, aber viele slowakische Künstler kaum darüber nachdenken, was ihre Kultur so besonders macht. Deshalb seien sie anfällig für globalisierende und nationalistische Tendenzen. „Mein Blick auf die slowakische Kultur verändert sich ständig, indem ich meine Erfahrungen über die Grenzen hin- und hertrage.“

Als Zeichner und Bildhauer spielt Sväto mit verschiedenen Stilen und Medien. Fast täglich bringt er minimalistische Zeichnungen zu Papier. Dabei ist aus aktuellem Anlass auch schon mal eine Papst-Serie entstanden. Fotos aus alten Bildbänden verfremdet er zeichnerisch und stellt sie zu „Miniaturenschwärmen“ zusammen. Als Keramiker brennt er aus feinstem Porzellan hochglänzende Blutstropfen für eine „Weinende Wand“ oder er malt große Wappenteller, auf denen er historische Heraldikelemente mit irritierenden Phantasie- und Alltagsgegenständen kombiniert.

Aber er kann auch anders, pult beispielsweise aus den Köpfen von zwölf Sonnenblumen mosaikähnliche Gesichter, die er zu einem „letzten Abendmahl“ gruppiert oder er dreht ein Video an der winterlichen Burgruine Devin. Ab und zu verkauft Sväto etwas über private Kontakte oder über seinen Kölner Galeristen.

Auf dem slowakischen Kunstmarkt, meint er, seien allerdings nur vor 1960 entstandene oder eher dekorativ-gefällige Werke gefragt. „Den Leuten, die Geld haben  - also vor allem japanischen Touristen und neureichen Unternehmern – fehlt das Verständnis und den slowakischen Intellektuellen fehlt das Geld“, stellt auch Erika Trnká fest. [...]

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Svätopluk Mikyta

Kölner Rundschau
06.04.2002, Nr. 80

Wenn Wände Blut weinen

Von Hanna Styrie

Schon seit längerem beobachtet Emmanuel Walderdorff den slowakischen Künstler Svätopluk Mikyta, der an der Kunstakademie in Stuttgart studiert hat. Jetzt richtet er dem 29-Jährigen seine erste Einzelausstellung in Deutschland aus.

Walderdorff zeigt zwei Arbeitsbereiche Mikytas, der sowohl als Zeichner wie als Keramiker tätig ist. In beiden Fällen beeindruckt er durch subtile Irritationen. Dass die blutroten Tropfen und Spritzer, die aus der weißen Wand hinabrinnen, aus Porzellan sind, zeigt sich erst auf den zweiten Blick. Hauchzart hat der Künstler das Material ausgewalzt, das durch die hochglänzende Glasur eine überraschende Plastizität gewinnt. Wie virtuos der als Zeichner ausgebildete Künstler mit dem Werkstoff Porzellan umzugehen versteht, lässt sich auch am Beispiel der Arbeit „Holz aus Porzellan" ablesen. Hier hat Mikyta 65 täuschend echt wirkende Holzscheite geschaffen, denen der Raku-Brand eine natürliche Färbung verliehen hat. Der wie zufällig in einer Ecke des Kellerraumes aufgeschichtete Haufen gewinnt durch die raffinierte materielle Umwandlung skulpturalen Charakter.

Auch als Zeichner spielt Svätopluk Mikyta mit dem Material. Mit schwarzem Stift und Radiergummi hat er fotografische Vorlagen aus alten Büchern auf sublime Weise verfremdet. Mikytas Faible für Aufnahmen von sportlichen Wettkämpfen ist dabei offensichtlich. Gelegentlich nimmt er nur eine minimale Verzerrung der Gesichtszüge vor, bringt Unschärfen und Schattierungen ins Bild; stellenweise aber lässt er Figuren

und Gegenstände gänzlich verschwinden. Durch behutsame Manipulationen bricht er so Sehgewohnheiten auf und stellt neue Zusammenhänge her.

Roland Schappert

Nassauische Neue Presse
1999

Videokunst im Molsberger Schloss-Pavillon

Nicola van Bebber, Wallmerod/Molsberg

Videokunst ist im Zeitalter der Digitalisierung längst zur anerkannten Kunstform avanciert. Als zeitgemäßes Ausdrucksmittel einer Generation, die zum großen Teil eher mit den versponnenen Digitalfantasien der Videoclips vertraut ist als beispielsweise mit der Malerei. Will ein Videofilm jedoch Kunst sein, muss er sich absetzen von den gewöhnlichen technischen Hilfsmitteln der Sogkraft des Augenscheins, muss mit Wahrnehmungen spielen, herkömmliche filmische Erzählmuster ignorieren. Ein Video, das dies leistet, ist derzeit im Pavillon Molsberg zu sehen: "Mord im Hochformat - das Ende einer Freundschaft" lautet der Titel des Films des Kölner Künstlers Roland Schappert, der noch bis April 2000 in Molsberg zu sehen ist. Parallel zum Video, aber durchaus als eigene Kunstform, präsentiert eine eigens für den Ausstellungsort erarbeitete Dia-Installation mit 120 Standbildern eine Zweitversion des Films.

Gezeigt wird die Geschichte dreier junger Leute, die sich auf Schloss Molsberg begegnen. Die Handlung ist nicht leicht auszumachen: Drei Mörder, zwei Mal drei Tote und mindestens drei Möglichkeiten, um das Verbrechen aufzudecken. Wer nun angesichts der Verbindung von Schlosskulisse und Krimi etwa Wallace-ähnliche Film-Assoziationen erwartet, wird sich getäuscht sehen. Wer Affinitäten zu klassischen Produktionen sucht, findet sie — wenn überhaupt - höchstens bei Bunuel oder Chabrol.

Grundsätzlich jedoch gilt, was der Kölner Künstler Johannes Schlichting in einem Skript zur Ausstellung schreibt: "Mord im Hochformat widersetzt sich den Vorwänden des Erzählens." Indem das bildnerische Element dem Erzählfluss vorgezogen werde, spiele der Film mit dem Hintergrund unserer Gewohnheit, von Filmbildern etwas erwarten, erahnen oder verstehen zu wollen. Roland Schappert präsentiert in Molsberg Kunst am Monitor und installiert somit ein ebenso durchdachtes wie eindrucksvolles Gegenestablishment zu gewohnt-bewährten, aber meist eben nur passiv konsumierten Produkten filmischer Unterhaltungsindustrie.

Zeitweise arbeitet er mit stillen Einstellungen gegen die gewohnte Reizüberflutung unser Fernsehwelt an, dann wieder sucht er die Bilderflut des Alltags durch kaleidoskopartig-schnelle Schnittfolgen zu übertreffen. Der Regisseur spielt mit den Sehgewohnheiten des Publikums. Dies bewerkstelligt er unter anderem auch dadurch, dass das Video konsequent in Hochformat präsentiert wird. Johannes Schlichting definiert dies als Strategie und Ästhetik zugleich: „Weil diese Aufmerksamkeit eine distanzierte und bewusste Wahrnehmung erzählerischer und bildnerischer Strukturen ermöglicht, die sonst vorwiegend illusionistisch formuliert und bevorzugt unbewusst konsumiert werden."

Der Kölner Regisseur konfrontiert den Betrachter mit der ohnehin unscharfen Schnittstelle von unmittelbar sinnlicher Realität und medial vermittelter Fiktion.

Wirft die Frage auf, inwieweit sich Imagination, indem sie sich auf unsere Netzhaut verlagert, auch in uns selbst manifestiert. Sehen wir also wirklich fern, oder finden wir die Wirklichkeit in uns selbst?

Für den Kurator des Molsberger Pavillons, Emmanuel Graf von Walderdorff jr., steht der malerisch abstrakte Charakter des Projekts im Vordergrund: "Mich fasziniert, dass sich diese Videokunst wieder eigentlich auf die Malerei bezieht." Nicht die Perfektion des Videos sei hier maßgeblich, meint der Kölner Galerist.

Vielmehr gehe es um die Perfektion der malerischen Bildoberfläche. Walderdorff hat diese Kunstform durch die Präsentation im Pavillon bewusst gefördert. "Künstler sollen auf ihre Weise mit der Architektur des Raumes spielen." In diesem Fall wurde für die Standbild-Installation gar eine Tür des Pavillons durch eine Plexiglasscheibe ersetzt.

Von innen werden die Dias an die Scheibe projiziert. Sie sind auch von außen zu betrachten, je nach Tageslicht immer interessanter reflektiert, aber nur von bestimmten Standpunkten zu erkennen.

Johannes Schlichting

Kölner Stadtanzeiger
19.10.2000 - Nr. 243

Bilder voller Erinnerung

Renate Roos

Die neue Galerie Walderdorff in der Südstadt zeigt junge zeitgenössische Kunst. Auftakt: Zeichnungen und Multimedia-Installationen von Johannes Schlichting, geboren 1968. In die Zeichnungen nimmt Schlichting die Wirkung von Musik hinein, macht sie sichtbar in Form "automatischer Bilder". Mittels Frottage kopiert er Oberkörper und Gesichter von bekannten und weniger bekannten Personen auf dass Papier.

Wo diese Durchreibungen enden, quellen und fließen Farben aus den Körpern heraus. Von der Musik geleitet, winden, schlängeln und wehen sie übers Papier. Da die Musik weder bekannt noch hörbar ist, wird der Besucher allein den Farbstimmungen überlassen, die jedoch mehr am Gegenständlichen kleben bleiben, als dass sie Assoziationen an Musik wecken. Den starken Einfluss von Musik auf Erinnerungen und Stimmungen verdeutlicht dagegen eine Installation in den Kellerräumen der Galerie.

Ihre Inszenierung versetzt den Besucher in eine surreale Kinderwelt. Beim Durchschreiten einer Lichtschranke beginnt ein Schaukelpferd zu Liedern von Fanny und Felix Mendelssohn Bartholdy auf und ab zu wippen. Beruhigend legt sich die selbstverständliche Leichtigkeit der Melodien wie Watte aufs Gemüt. Der Besucher beginnt, in Erinnerungen an eigene Kindertage zu schwelgen, die jedoch jäh von Gewaltdarstellungen an den Wänden unterbrochen werden.

„Fluff", so der Titel der Ausstellung, ist eigentlich die Bezeichnung eines Brotaufstrichs (made in USA), der lautmalerisch seine eigene Konsistenz beschreibt. „Fluff" beschreibt aber auch jenen Grenzbereich zwischen Traum, Erinnerung und Wirklichkeit, aus dem heraus die Arbeiten von Johannes Schlichting entstehen.

Johannes Schlichting

Kölner Rundschau
21.09.2000 - Nr. 220

Johannes Schlichting kreiert "Fluff"

Leicht wie Federn

Von Gabriele Breun

"Fluff' - eine neue Schokoriegelmarke? Eine avantgardistische Sitzgarnitur aus Schaumgummi? Ein brandaktueller Kunststil gar? Assoziationen dieser Art stellen sich ein beim Titel der Ausstellung von Johannes Schlichting (Jg. 1968 und Absolvent der Kunstakademie in Stuttgart), die in der neuen Südstadt Galerie Walderdorff gezeigt wird.

Seine "fluffigen" Exponate haben trotz ihres unterschiedlichen Mediums eine Gemeinsamkeit, die den Titel nahelegt: So wie das englische "fluffy" auf etwas Flaumiges, Marshmallowhaftes, Federleichtes hinweist, sind sowohl die zartbunten Zeichnungen wie auch die musikalische Installation und die kleine Videoarbeit von leichter, fast schwereloser und spielerischer Konsistenz. Die Zeichnungen: Das sind feine Buntstift-Portraits von Menschen aus dem Show-Biz wie Johnny Depp oder Anthony Perkins, aber auch von weniger spektakulären Gestalten aus der Presse. Ihre konkreten Körperlichkeiten gehen aus der Bildmitte heraus in eine amorphe Formenwelt über, um dort in ornamental-geschlossenen Schlieren zu Zwitterfiguren mutieren, die sie zu etwas Eigenem, Neuen machen.

Diese Leichtigkeit setzt sich im Untergeschoss fort, mit viel Bezug zur Biografie des Künstlers. Ein altes und in seiner Einfachheit anrührendes Schaukelpferd bewegt sich leicht zum Takt einer Melodie von Mendelssohn, die Schlichting auf dem Klavier eingespielt hat. Netter Gag: Die Musik wird beim Passieren einer Lichtschranke in Gang gesetzt, so auch das Holzpferd. Die Installation mit dem bezeichnenden Titel „Tune haunting" (Ohrwürmer) begleitet und verstärkt den Charakter der Zeichnungen in ihrer amorphen Schwerelosigkeit. Mit der vom Titel her irritierenden Videoarbeit "Parthenogenese" (in etwa: Jungfernzeugung), in der die reduzierten Bewegungen eines (leibhaftigen Säuglings) in rückwärts laufender Zeitlupe abrollen, entsteht ein reizvoller und stiller Kontrast zur Alltagshektik und verstärkt sich der Blick auf Wesentliches.

Also vielleicht doch eine neue Kunstrichtung - "Fluff" als die Kunst der leisen Töne und Andeutungen mit einem Hauch verträumter Ironie...

Julia Schrader

Nassauische Neue Presse
2000
 

Angst und Abwehr, Festung und Blöße

Nicola van Bebber, Molsberg.

"Kunstwerke, die der Betrachtung und dem Gedanken ohne Rest aufgehen, sind keine." Orientiert man sich an dieser Interpretation Theodor W. Adornos, so begegnet man im Pavillon des Schlosses Molsberg Kunst in Reinkultur. Denn es gab wohl keinen Vernissagebesucher, den die seit Sonntag dort ausgestellten Kunstwerke von Julia Schrader nicht nachhaltig beschäftigt haben. Der besonderen Sphäre des Ortes entsprechend präsentiert Emmanuel Graf von Walderdorff dort einmal mehr ausgesuchte Werke von extraordinärer Qualität, diesmal mit fast philosophischer Ausrichtung. Denn Julia Schraders Exponate sind ebenso kostbare wie ungewöhnliche Zeugnisse von (Gedanken-) Freiheit, ihre Metaphern liegen jenseits herkömmlicher Sprache und Denkens.

Zwei "Kleider´ hängen im Pavillon (vom Galeristen bewusst wie im Dialog zweier fiktiver Frauen einander gegenübergestellt). Bizarre Drahtgeflechte sind es, das Eine zieren nach außen gerichtete Porzellan-Stacheln, das Andere zeigt die Stacheln nach innen. Und wie nach dem französischen Schriftsteller Albert Camus Kunst eine in Form gebrachte Forderung nach Unmöglichem ist, so ist auch diese Kombination gemäß traditioneller Vorstellungswelten eher grotesk, die Verbindung von Porzellan und Kleidung geradezu absurd: Sowohl beim weil filigran-zerbrechlich völlig nutzlosen Schutzpanzer wie auch beim in der Präsentation hierzu korrelativen Gegenstück, ein weil mit Innenstacheln versehen völlig untragbaren Modellkleidchen, dem noch dazu unübersehbar Fetischcharakter anhaftet. Graf Walderdorff: "Das eine ist durch die Zerbrechlichkeit des Porzellans als wehrhafte Rüstung völlig ungeeignet, das andere täuscht durch die Assoziation zum Blumenkleid über das selbstzerfleischende Fiasko hinweg."

Julia Schrader hat sich lange mit keramischen Materialien und deren Bearbeitung auseinander gesetzt. Für sie stellt die Qualität einer Oberfläche, die durch das Aneinanderreihen zahlreicher Einzelteile entsteht, einen wichtigen Arbeitsaspekt dar. Zweifellos sind jedoch die in Molsberg ausgestellten Werke Resultat, wenn nicht gar Bilanz tief greifender innerer Prozesse und Auseinandersetzungen. Der Galerist nannte Angst und Abwehr, Festung und Blöße, Widerstreit der Gefühle als spontane Gedankenassoziationen.

Bereits in der Einladung hatte er darauf verwiesen, dass Julia Schrader die Kleidung als Kommunikationsmittel und Informationsträger sieht: "Der menschliche Körper dient der Seele als Behausung und Julia Schrader sieht eine Erweiterung dieser Behausung in der Kleidung."

Julia Schrader selbst spricht lediglich von einem Spielen mit der Grenze zwischen ästhetisch Schönem und dem bei näherer Betrachtung Schrecken erregend Grauslichem. Es habe sie gereizt, das Vertraute zu verfremden sowie das Material ins Extrem zu tragen. Die in Düsseldorf geborene Künstlerin trägt den Titel des Bachelor of Arts des Camberwell College of Arts & Crafts und den Master of Arts des Londoner Royal College of Art. Außerdem studierte sie in Kyoto/Japan.

Die gebürtige Düsseldorferin inspirierte den Molsberger Galeristen zu einer Premiere: Erstmals wird in diesem Sommer der Keller des Pavillons als Ausstellungsraum integriert. Hier zeigt Julia Schrader einen "Echsenmann", ein Mischwesen aus Mensch und Tier, dessen Oberfläche aus Erbsen besteht. Emmanuel Walderdorff: "Der Pavillon als Bühne der künstlich geschaffenen Leichtigkeit, auf der die Künstlerin ihre nur scheinbar luftigen, zarten Kleider auftreten lässt, bildet somit einen Gegensatz und gleichzeitig einen Dialog zum triebhaften "Echsenmann", der im Keller eingesperrt ist!"

Mit anderen Worten: In Molsberg begegnet man Kunst, die den Gedanken einiges an "Rest" aufgeben...

Heather Sheehan

Nassauische Neue Presse
10.03.2001, S. 22

Ein Vater zwischen Macht und Minderwertigkeit

Nicola van Bebber, Molsberg

Der Vater wirkt ein wenig amputiert. Hängenden Kopfes verweist er mutlos auf eine gewisse Unvollständigkeit. Sehen sie so aus, die neuen Männer, die Väter der Zukunft, Produkte der Emanzipationsbewegung, scheinbar willenlos, ausgeliefert den übergroßen Erwartungen, mit denen die Frauen der Neuen Zeit sie überfrachten? Wissend, immer "Father" zu bleiben, weil ihnen zur „Mother" doch Entscheidendes fehlt? Oder ist es einfach nur ein zaghaftes Sich-Herantasten an neue Geschlechter-Rollen?

Das wäre die eine Weise, sich dem Objekt "Father" zu nähern, welche jetzt — auf ganz eigene Weise provokant - dem pretiösen Oktogon am Rande der Molsberger Schlossanlage neue Sichtweisen aufzwingt. Heather Sheehan, eine jetzt in Köln lebende Künstlerin aus New York, hat dieses Objekt kreiert.

„Father" besteht aus Filz und Vaseline. Materialien, die beim europäischen Betrachter unweigerlich Beuys-Assoziationen auslösen. Empört will der Besucher zwanghafte oder auch einfach nur publikumswirksame Imitation reklamieren - doch Heather Sheehan ist allein auf Grund ihrer Herkunft jedweder Effekthascherei völlig unverdächtig: "In Amerika ist Beuys lange nicht so bekannt, längst nicht die Kultfigur, wie er es in Europa war und ist", sagt Emmanuel Graf von Walderdorff, der Initiator der Ausstellungsreihe im Molsberger Pavillon. Auch „Father" hat sämtliche Eigenschaften, die bislang auch alle anderen Exponate im Pavillon aufweisen: Das abstrakte Körperobjekt ist in dieser Form noch nirgendwo anders ausgestellt worden Sheehan hat es eigens für das Westerwälder Oktogon konzipiert.

So hängt er nun dort: Eigenwillig, ein wenig trotzig, vor allem aber auch eben mutlos. Filz als hautähnliches Material formt seine abstrakt-körperliche Hülle, gefüllt und bestrichen ist sie mit Vaseline, die auch aus einer Öffnung heraustropft. Vaseline, ein durchaus nährendes Naturprodukt tropft auf ein Behältnis, in dem sich eigenartige, kleine Filzobjekte zu bewegen scheinen.

Der Pavillon, durch die Lichtinstallationen einer früheren Ausstellung auch schon einmal zum "Tempel der himmlischen Weisheit" stilisiert, mutiert mit diesem abstrakten Objekt eher zur „Nistzelle der Aliens" - so sieht es zumindest Graf Walderdorff: "Es scheint, als seien Außerirdische hier gelandet. Man kennt die Mutter dieser Wesen nicht. Man weiß nicht: Sind sie gut- oder bösartig was wird sich überhaupt aus ihnen entwickeln."

Walderdorff, der in Köln eine Galerie betreibt, sieht in "Father" einen Verweis auf die "Gen-Welt, mit der wir uns heutzutage auseinander setzen müssen." Vor dem Hintergrund Gentechnik muten die kleinen Wesen im Filzkorb jedenfalls an wie gnadenlose Versuchsobjekte. Steht die Vaseline als Kontrapunkt für die Käseschmiere der Neugeborenen, hier eben als künstlerisches Ersatzprodukt für ein

ungeliebtes, zur Sache reduziertes Etwas? Also doch eine unwillkürliche, unbeabsichtigte Parallele zu Joseph Beuys? Immerhin sollten in den Installationen des legendären Kunstprofessors aus Kleve grauer Filz und tierische Fettblöcke Schutz- und Überlebensstrategien symbolisieren...

In jedem Fall: Eine nachdenkliche Botschaft. Fest steht: Es geht um Macht, aber auch um Fürsorge - in Molsberg allerdings mit einer neuen Perspektive. Denn bislang kreisten die haptischen Objekte Heather Sheehans in abstrahierter Form um Weiblichkeit und den Mythos Mutterschaft - bis dato spielten Väter noch keine Rolle...

In Kunstkreisen wird Sheehan ein „reduzierter und sprechender Umgang mit Material, Form, Farbe und Thema", ja geradezu eine bildhauerische Haltung attestiert. In den klaren, kühlen architektonischen Grundzügen des Molsberger Pavillons gelingt dies auf besondere Weise: Von weitem vermutet man in „Father" gar eine Marmorskulptur. Doch bei näherem Hinsehen pervertiert die Künstlerin gewohnte Sichtweisen - nicht nur in Form und Ausgestaltung, sondern eben auch im Blick auf da6 Material. Der Filz, eine mindestens seit 7000 Jahren bekannte Naturfaser, ist älter als die barocke Schlo6san-lage - so alt wie die Problematik von Macht und Minderwertigkeit Annäherung und Abhängigkeit zwischen Mann und Frau? Wie dem auch sei - "Father" hat seinen ganz individuellen Bezug zu dem kleinen Gebäude, das inmitten der Plantanen der Schlossallee und dem nahen Wald liegt.

Dies legt auch die zufällige Parallelität einer Lektüre mit dem Sujet der Ausstellung nahe: „Ich liebte den Geruch der Jägerkleidung, der Filz hatte sich mit dem Geruch des Walds, des Laubs, der Luft und des verspritzten Bluts vollgesogen ... Alles riecht so sauber, wie in einer anderen Heimat, die es am Anfang des Lebens und der Dinge gab ... das Licht lässt die Decke über dem Wald aufgehen als begänne der geheime Mechanismus auf dem Schnürboden des rätselhaften Welttheaters zu funktionieren", heißt es in Sandor Marais' "Die Glut".

Was also auf den ersten Blick rätselhaft, manchem sicher auch unpassend oder gar abstoßend erscheint, hängt hier vielleicht doch richtig: "Der Wald riecht so roh und wild, als käme jedes organische Wesen, Pflanze, Tier und Mensch im großen Schlafzimmer der Welt allmählich zu sich und atmete seine Geheimnisse und bösen Gedanken aus. Wind kommt in diesem Augenblick auf, vorsichtig, wie der Seufzer des Schlafenden, dem die Welt, in die er geboren wurde, wieder einfällt..."

Es gibt eben auch eine andere rein physisch-emotionale Art und Weiße, "Father" - offensichtlich ebenso ätherisch wie erdgebunden - ein wenig näher zu kommen...